Anathema & September Leaves am 13.07.13 in Leipzig

  • Wer täglich tausend Tode stirbt und Melancholie zu seinen treuesten Begleitern zählt, der wird sich in der schweren, tiefen Traurigkeit von ANATHEMA bestens aufgehoben fühlen. Seit nun mehr 23 Jahren schaffen die Liverpooler Musik für die Verzweifelten und Hoffnungslosen. Gestartet als Doom Metal Band haben sie ihren Sound mittlerweile zu einer sehr eigenen Art des Alternative Rocks weiterentwickelt.


    Für einen einzigen Deutschlandauftritt in diesem Jahr haben sich ANATHEMA heute in Leipzig angekündigt, ein Akustik-Set im Gepäck. Etwa eine halbe Stunde vor Einlass fand ich mich vor der Parkbühne GeyserHaus ein, eine Freiluftbühne. Ein kleiner Hauch von Festivalathmosphäre...
    Die Musik von ANATHEMA berührt in einer Art und Weise, wie man es selten vorfindet. Sie trifft mitten ins Herz und setzt sich dort fest. Solche Musik verbindet Menschen. Wer einen Blick auf die Menge der Konzertbesucher geworfen hat, wird fest gestellt haben, wie bunt und vielfältig es dort war. Keine Altersgrenzen, alle Subkulturen erlaubt und es waren defintiv auch Menschen anwesend, die mit "dunkleren" Musikrichtungen wie die aus der Metal- oder Gothicszene so rein gar nichts am Hut haben.


    Der Abend wurde von SEPTEMBER LEAVES eingeläutet, die sogar von einer Ansagerin mit polnischem Akzent speziell angekündigt wurden. Ein recht junges und unbekanntes musikalisches Duo, die bestensgelaunt zu Werke gingen. Obwohl Gerd und Uta, so die Namen der beiden, wagemutig verkündeten, ANATHEMA eigentlich kaum zu kennen und mehr durch Zufall hier gelandet zu sein, wurden sie vom Publikum begeistert aufgenommen. Schöne, ruhige Gitarrensongs wie die sehr zerbrechliche Ballade "Distance Is A Monster", die hauptsächlich von Uta vorgetragen wurde, wussten sehr zu gefallen. Auch ein Pro-Vegan-Song fand ihren Weg in die Setlist.
    Für diese luftig-lockere Athmosphäre, in der unzählige Getränke und Bratwürste verzehrt wurden, war es einfach die perfekte Vorband. Zwar nicht unbedingt Musik, die man sich später daheim anhört (obgleich sich viele während der Pause die aktuelle CD von SEPTEMBER LEAVES kauften) aber hier und heute haben sie super hingepasst.


    Nach einer etwas längeren Wartezeit standen ANATHEMA endlich in Form von Daniel & Vincent Cavanagh und Lee Douglas auf der Bühne. Direkt zu Anfang wurde sich erstmal für das zahlreiche Erscheinen bedankt, da die Band mit sovielen Leuten nicht gerechnet hätte. Worte, die mich verwunderten, denn obgleich sich viele Menschen hierherverirrt hatten, blieb doch der ein- oder andere Sitzplatz leer.
    Und nun beginnt der schwierige Teil dieses Berichts: Wie soll man die Stimmung, diese Athmosphäre, diese Magie die in der Luft zirkulierte, treffend beschreiben? In akustischen Gewändern gekleidet entfalteten die Songs nochmal eine viel intensivere Wirkung als die ausproduzierten Studioversionen. "Besser als auf CD" - ein Credo, wie man ihn nach Liveauftritten von vielen Fans vernehmen kann. Bei ANATHEMA würde ich das sogar unterschreiben. Doppelt. Und nochmal mit Textmarker drübergehen.
    Absolut beeindruckend war die Performance von "A Natural Disaster", die hallt auch jetzt knapp eine Woche nach dem Konzert immer noch nach. Dass ein so fragiles Songkonstrukt live so mitreißen kann in eine triste Welt voller überbordender Depression und Verzweiflung. So wunderschön. Gesondert sei hier auch "Temporary Peace" erwähnt. Ein Ganzkörpergänsehautgarant reihte sich an den Nächsten. Und all diejenigen, die das Glück haben, zu zweit durch's Leben zu gehen, lagen sich in den Armen.
    In der Setlist befanden sich sehr zum Wohlgefallen der Leute eher ältere Titel, noch vor der "We're Here Because We're Here" und "Weather Systems"-Ära. Aber natürlich fehlte "Untouchable, Part 1 & 2" vom aktuellem Album dennoch nicht, es wäre auch eine Schande gewesen wenn doch, denn diese fast 12 Minuten sind ein absolutes Epos und gehören mit zu den schönsten Dingen, die ich je gehört habe. Auch die Live-Darbietung war gelungen.


    Leider gibt es auch Grund zu Kritik: Es gab technische Probleme. Die rechten Boxen hatten einen Wackelkontakt. Immerwieder fielen sie aus oder gaben bei besonders höhen Tönen einen Kratzton von sich. Das wurde zwar etwa zur Halbzeit des Auftritts endlich in den Griff bekommen, hat aber viele Songs leider ein wenig versaut. Und soetwas darf einfach nicht passieren. Nicht wenn man eine Band wie ANATHEMA gebucht hat. Sehr schade.


    Am Ende des Konzerts durfte jeder der drei Bandmitglieder noch ein einzelnes Coverstück zum Besten geben. Darunter auch Led Zeppelin - Stairway to Heaven und Pink Floyd - Another Brick in the Wall (letzteres wurde von allen dreien gemeinsam performt). Richtig klasse - ein wundervoller Abschluss eines absolut einmaligen Konzerterlebnisses.
    Eine kleine Zugabe gab es auch noch und mit dem Hinweis, dass bald ein neues Album erscheint zogen die Gebrüder Cavanagh und Frau Douglas von der Bühne.


    Ich sag ja immer: Man kennt eine Band erst wirklich, wenn man sie live gesehen hat. Klar, du kannst Gigabytes an raubkopierter MP3s auf dem PC haben und Dich einen "Fan" nennen. Du kannst jedes einzelne Stück kennen, das ein Künstler je veröffentlicht hat. Das ist alles möglich. Aber solange Du Dich nicht nach draußen in eine Konzerthalle traust, hast du schlicht keine Ahnung. Musik gehört nicht auf CDs, das dient schlicht nur der Vermarktung. Sie gehört auf eine Bühne. Bands, wie diese hier, beweisen das.


    Zusammengefasst: Emotional, intim, wunderschön. Ein Konzert, das mit Worten nicht zu beschreiben ist. Dies hier soll nur ein kläglicher Versuch darstellen, es zumindest mal versucht zu haben.


    Homepage Anathema: http://www.anathema.ws
    Homepage September Leaves: http://septemberleaves.com


    edit: Ein paar Tippfehler ausgebessert... ;)